Claudia Wahjudi
Verloren in den Städten dieser Welt, so können
sich Betrachter der neuen Arbeiten von Rui Calçada Bastos schnell fühlen.
Bastos zeigt in der Produzentengalerie Invaliden1 in sechs großen Farbfotografien
und zwei kleinformatigen Videos das Nebengeschehen auf Straßen weitgehend
anonymer Städte: Da erscheinen Radfahrer, die Kunststoffvisiere auf- oder
zuklappen, Kaffeebecher, die über Asphalt rollen, Flüssigkeit in
Pflasterfugen, Automatikpoller, elektronische Garagentore, Autos die von links
nach rechts fahren. Eine zusammenhängende Erzählung ergibt das nicht.
Bastos zeigt Unorte, an denen all die Bewegung nirgendwo hin führt: Die
Stadt kreist um sich selbst.
Mit formalen Entsprechungen verstärkt der 1972 in Portugal geborene Künstler
das Gefühl der Ausweglosigkeit. Da wiederholt sich die Form des Pappbechers
in der eines Papierkorbs, Transparente und Äste versperren den Blick auf
Gesichter, Mauern verunmöglichen ein Weiterkommen. In Fotos wie
Videos weist Bastos zudem darauf hin, dass alle dreidimensionalen Dinge im
Stadtraum wie Skulpturen wirken können – schaut man nur genau genug
hin. Das erinnert ein wenig an frühe Arbeiten des französischen Fotografen
Jean-Luc Moulène, doch fehlt hier dessen Reflexion des Zusammenspiels
von politischer Macht und Stadtbild. Bastos konzentriert sich ganz auf
die Verknüpfungen der Dinge und erzeugt damit eine klaustrophobische
Enge. Und in der sieht es aus, als sei dem Menschen der Daseinszweck der Dinge,
die er einst erfand, entglitten. Tüten, Zigarettenstummel, Ampeln führen
ein beziehungsreiches Eigenleben, die Radfahrer und Passanten unter ihren Plastikvisieren
dagegen bleiben ganz auf sich zurück geworfen.
Das stimmt einsam und melancholisch, und nichts anderes wird Bastos beabsichtigt
haben: In den Straßenlärm eines Videos mischt sich metallenes Kreischen,
das zum Herzerweichen klagt. Bastos betreibt Zivilisationskritik mittels Gefühl.
Das ist geradezu romantisch. Doch anders als viele historische Romantiker bleibt
Rui Calçada Bastos ganz im Hier und Jetzt: Seine Bilder kennen weder
Sehnsuchtsort noch Weltflucht – sie sind romantisch auf unbarmherzige
Art. Und werden sicher demnächst öfter zu sehen sein. Die Zeichen
der Zeit stehen günstig dafür.
Claudia Wahjudi ist Kunstredakteurin beim Stadtmagazin
zitty Berlin und Kulturjournalistin.
zitty Magazin 6. – 19. November 2008
http://www.zitty.de/kultur-kunst/27211/